7. Impulse, Artikel

 

Ein Wort für jeden Tag - Gegenrede zur Angst

Betrachtung zum Internationalen Pfingstkapitel der Gefährten des hl. Franziskus 2009 in den Niederlanden

von Josef Gerwing

Ich habe Angst - mal mehr - mal weniger. Eigentlich vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht ängstige. Wovor habe ich Angst? Vor einer unheilbaren Krankheit, Krebs, vor dem Alt werden, vor einer ungesicherten Zukunft, Verlust des Arbeitsplatzes und anderen Existenz bedrohenden Ereignissen, kurz: vor der Unberechenbarkeit des Lebens, vor kleinen oder großen Schicksalsschlägen und auch dem Sterben. Oder manchmal überfällt mich eine völlig unbestimmte Angst, nicht benennbar.

Einige von Euch wissen vielleicht, dass ich vor vielen Jahren einmal eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker begonnen hatte. Bis heute geht mir eine unheimliche Begebenheit eines Kollegen nahe: Er hatte wie gewohnt einen Wagen reparieren wollen. Er hatte ihn aufgebockt und die Hinterräder abgeschraubt. Bevor er unter das Auto kroch, vergewisserte er sich noch, dass dieses richtig stand. Als er dann unter dem Wagen lag und seine Arbeit aufgenommen hatte, passierte etwas merkwürdiges mit ihm. Plötzlich - so erzählte er später - überkam ihm die Fantasie, dass der Wagenheber versagen könnte und er unter dem Auto zerquetscht würde. Diese Vorstellung lähmte ihn regelrecht und er war kaum noch in der Lage unter dem Wagen hervorzukriechen - so sehr hatte ihn die Angst gelähmt und geschwächt.

Ich glaube, jeder kennt das Gefühl der Enge, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Unruhe, Anspannung und Bedrohung. Das Herz fängt an zu schlagen, die Hände werden manchmal feucht und die Knie werden weich. Die Angst gehört zum Leben. Sie ist ein Teil von uns. Sie gehört zum Gefühlsleben und kann durchaus sinnvoll sein. Als Warn- und Alarmsignal hilft Angst sogar auf Bedrohungen von außen und Störungen von innen aufmerksam zu machen. Nur wenn man die Gefahr kennt, kann man sie auch bewältigen. Gefahr erkannt - Gefahr gebannt ! erhielt ich als Jugendlicher oft als Weisheit mit auf den Weg. Na ja - schön und gut, aber ich würde schon gern die ein oder andere Angst verdrängen, ungeschehen machen, weg damit und so; sie wirft mich auch heute noch oft genug aus der Bahn und bringt mein Leben in ein mächtiges Durcheinander. Krankhaft allerdings wird Angst, wenn sie zu einer Art Lähmung des Betroffenen, einer Handlungsunfähigkeit führt und unkontrollierbar wird.

Wenn - nebenbei bemerkt - fromm sein krank macht, lässt sich dies auch in kirchlichen Kreisen beobachten, dann können Menschen sogar in alte Zeremonien und Rituale vorkonziliarer Zeit verfallen und sich fanatisch und voller Angst - ein Glaubenskorsett zu verlieren - daran fest klammern.

Naturvölker früher Zeiten taten ähnliches. Sie suchten ihre Angst durch bestimmte Rituale, Beschwörungen und Zaubersprüche, durch Trommelschlag und ekstatischen Tanz zu betäuben. Noch heute tanzen vom „heiligen Rausch“ nahezu „Besessene“ Tag und Nacht bis zur Bewusstlosigkeit, um böse Geister und damit verbundene Ängste zu vertreiben und gute Geister herbei zurufen.

Und !? Ich habe immer noch Angst. Immer wieder. Und immer wieder hat man mir wohlmeinend und gut zugeredet, dass ich doch bitte keine Angst haben möchte. Das schickt sich nicht in einer so hell erleuchteten Welt. Ärzte und befreundete Psychologen, gute Therapeuten, sagen mir, Angst sei eine Krankheit, sie ließe sich behandeln. Und sie tun es. Oft hilft es. Sie tun das mit viel gelehrtem Aufwand. Ich habe selbst ihre Methoden gelernt. Sie sind unbestreitbar klasse, aber genau besehen machen sie es wie eine Mutter mit dem Kind, das im Keller plötzlich schreit und Angst hat, weil es Gespenster sieht. Die Mutter drückt das Kind an sich, knipst das Licht an und sagt: Siehst Du, hier ist die Kellerwand und kein unheimlicher Geist. Die Angst wird entlarvt. Es gibt keinen Grund vor Angst aufzuschreien. Hab keine Angst ! Fürchte Dich nicht ! Stopp !!! Den Ausspruch kenne ich doch. Steht doch in der Bibel, nicht wahr !? Joop, Du hast mir am Telefon erzählt, dass dieses Wort „Fürchte Dich nicht“ etwa dreihundert Mal in der Heiligen Schrift vor kommt. Ich hab das überprüft !!! Du hast recht. Dieses Wort kommt nicht weniger und nicht mehr als 365mal in der Bibel vor. 365mal „Fürchte dich nicht“: für jeden Tag des Jahres einmal.

Nett gesagt! Aber einem, der Angst hat, der sich fürchtet, kann man die Angst nicht aus-reden mit einem solchen Wort. Er wüsste sich damit (ist doch nicht so schlimm, wird schon gut gehen...) vielleicht nicht einmal ernst genommen. Das ist auch nicht die biblische Botschaft. Jesus beispielsweise stellt zunächst einfach fest, dass wir Angst haben, in diesem Leben, in dieser Welt (vgl. Joh 16, 20). Er hilft uns aus der Angst am ehesten, wenn er sie mit uns teilt.

„Fürchte Dich nicht“ heißt im biblischen Kontext darum eher: in Deiner Angst, mit Deiner Angst sollst Du wissen: Ich bin bei Dir. Wie war das mit der Mutter, sie hat weit mehr getan als geredet: Hab keine Angst; sie hat mich in den Arm genommen, sie war da, bei mir.

Die biblische Botschaft sagt mir täglich 365mal: Du darfst Deine Furcht haben, aber Du sollst wissen, Du bist damit nicht allein gelassen. Wenn die Angst Dich packt, dass Du Dich gar verkrampfst und versteifst, dass sich Deine Kehle zuschnürt und Du glaubst, sie nimmt Dir den Atem, dann meint dieses „Fürchte Dich nicht“: Lass Dich los! Verlass Dich! Vertrau Dich an: Ich bin da bei Dir und habe die Abgründe aller Ängste schon aufgefüllt mit meiner Gegenwart...

So sind wir denn „Von guten Mächten wunderbar geborgen, und erwarten getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns, am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag“.