7. Impulse, Artikel

 

... und plötzlich ist alles aus!

oder

Was mag in einem Mann vorgehen, der fast alles verloren hat?

Betrachtung zum internationalen Pfingstkapitel der Gefährten des heiligen Franziskus 2009 in den Niederlanden

von Josef Gerwing

Amsterdam im Jahr 1632. Der 26jährige Maler Rembrandt van Rijn ist zu Besuch in der Stadt. Er logiert im Haus Hendrick van Uylenburghs, eines reichen Kunsthändlers, der ihn stetig mit Aufträgen versorgt. Doch Rembrandt ist unzufrieden. Seine Angst in ein Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Kunsthändler zu geraten ist so groß, dass er sich entschließt als freier Unternehmer zu malen. Mit dieser Entscheidung ist der Maler der richtige Mann am richtigen Ort. Das Amsterdam seiner Zeit ist ein globales Dorf. Kaufleute aus aller Welt leben hier. Die Stadt ist ein Welthandelszentrum, eine Art Wirtschaftssupermacht ihrer Zeit. Die Kaufkraft der Stadt Amsterdam übersteigt die von Königreichen.

Rembrandt kann sich vor Aufträgen kaum retten. Die Art, wie er Licht und Schatten einsetzt, ist genial und bis heute unübertroffen. Und der Niederländer ist geschäftstüchtig. Da er die Auftragsflut nicht mehr allein bewältigen kann, gründet er ein Atelier und stellt Gehilfen ein. Sehr lukrativ ! Für die Ausbildung müssen die Schüler zahlen und den Erlös der Bilder, die sie malen, streicht selbstverständlich der Meister ein - nicht der Schüler. Er - Rembrandt - ist das Genie. Ein frühes Selbstporträt zeigt einen Mann, der aus dem Dunkel mit großen Zielen hervortritt. Er sieht sich selbst als Ausnahmetalent, schreibt sich mit 14 an der Universität zu Leiden ein, bricht das Studium aber wenig später ab und nimmt Malunterricht. Seine Bilder sind begehrt, sein Credo „Freiheit, Kunst und Geld“. Er gilt als ein fanatischer Kunstsammler, aber mit nur einem Ziel: Preise bei Auktionen nach oben treiben. Wurden vor Rembrandt etwa Porträts mit ungefähr 35 bis 50 Gulden bezahlt, so setzt er höhere Preise durch. Wer kennt nicht das berühmte Gemälde „Die Nachtwache“? 100 Gulden soll jeder der dort abgebildeten Männer bezahlt haben. Die Enthüllung des Bildes wurde zum Skandal, weil sich die im Schatten porträtierten Männer betrogen fühlten. Rembrandt aber hat nichts zu fürchten. Er ist der reiche Malerkönig von Amsterdam bis 1656. Seine Kunstsammlung hat ein Vermögen gekostet. Der Verkauf gelingt ihm nicht. Obwohl beruflich erfolgreich, ist er inzwischen hoch verschuldet. An der Börse hat er viel Geld verloren. Er ist in einer der wohl verrücktesten Spekulationen der Finanzgeschichte verwickelt: Tulpen ! Tulpen aus Amsterdam ! Der Handelstrend schlechthin in jener Zeit. Die Nachfrage ist so groß, dass einzelne Zwiebeln auf dem Höhepunkt des Booms mit bis zu 1000 Gulden gehandelt werden. Das entspricht dem damaligen Wert ein kleines Häuschens in Amsterdam. Und dann bricht plötzlich der Markt zusammen. Heute würden wir dies als Börsencrash bezeichnen. Tausende Spekulanten verlieren ihr Vermögen - auch Rembrandt. Existenzen stehen auf dem Spiel. Plötzlich geht sie um, ist sie da - bei ganz vielen - die nackte Angst, die Existenzangst.

Auch ein Genie ist ruiniert. Am 14. Juli 1656 geht beim Hohen Rat in Den Haag ein Schreiben ein. Darin beantragt ein gewisser Rembrandt Harmenszoon van Rijn Konkurs. Sein gesamter Besitz wird in mehreren Auktionen versteigert. Am Ende seines Lebens ist Rembrandt verarmt und vereinsamt. Fünf seiner sechs Kinder hat er beerdigen müssen - zuletzt seinen geliebten Sohn Titus. Vorher trug er noch seine beiden Ehefrauen zu Grabe.

Was mag in einem Mann vorgehen, der fast alles verloren hat?

Man möchte einen vom Schicksal gezeichneten, gebrochenen Mann erwarten. In seinen Selbstbildnissen dokumentiert Rembrandt schonungslos sein eigenes Altern. Tatsächlich werden seine Gesichtszüge immer trauriger und leidvoller, aber seine Augen, sein Blick, sind bis zuletzt wach und selbstbewusst.

Am 4. Oktober 1669, dem kirchlichen Gedenktag des heiligen Franz von Assisi, schließlich stirbt Rembrandt.

Was mich an der Vita, dem Leben dieses holländischen Kunst-Genies so beeindruckt, ist, dass er sein Leben meisterte - trotz oder vielleicht gerade wegen der Schicksalsschläge, die ihn den Weg eines stolzen und erfolgreichen Jung-Malers bis zum traurigen Künstler, der Konkurs anmelden muss, gehen ließen. Konsequent hat er versucht, sein Leben selbstverantwortlich zu gestalten. Ob er sein Lebensbild letztendlich vollendet hat, vermag ich nicht zu sagen, aber im Leben des Künstlers, der wie kein anderer mit Licht und Schatten spielen konnte, tritt aus der Dunkelheit des Lebens eine für mich lichte Erkenntnis hervor. Sie lautet - sehr frei nach dem Römerbrief 8, 15: „Du hast keinen Geist empfangen, der Dich zum Sklaven macht, so dass Du Dich vor dem Leben - wie es Dir auch begegnet - fürchten müsstest. Du hast einen freien Geist empfangen, in dem wir nicht einfacher oder bequemer, aber lebenswerter rufen können: Ich liebe das Leben, die Liebe und die Lust, Abba, Vater“ - ach - und Angst ist nicht in der Liebe (auch nicht von mir, auch biblisch).