7. Impulse, Artikel

 

Vielfalt aus derselben Wurzel - Die franziskanisch-klarianische Familie

Aus: Franziskaner Mission 2/2009

„Es beginnt die Lebensweise der Minderen Brüder: Regel und Leben der Minderen Brüder ist dieses: nämlich unseres Herrn Jesus Christi heiliges Evangelium zu beobachten durch ein Leben in Gehorsam, ohne Eigentum und in Keuschheit“ (BReg 1).

Osterkapitel 2009 der Franziskanischen Familie im Kloster Reute: Rund 90 Schwestern und Brüder haben sich versammelt. Vor 800 Jahren hat der heilige Franziskus seine Ur-Regel von Papst Innozenz III. bestätigt bekommen. Ein Bruder und fünf Schwestern stehen zu Beginn im Kreis um die Osterkerze, jeweils ein Buch in der Hand. Ein Franziskaner liest den oben zitierten ersten Satz seiner Ordensregel vor, der die Lebensweise beschreibt, wie sie der heilige Franziskus vorgegeben hat. Ihm schließt sich eine Klarisse an, die ebenfalls den zentralen Kernsatz ihrer Regel zu Gehör bringt: „Es beginnt die Lebensweise der Armen Schwestern.“ Der nächste Satz ist mit der Regel der Brüder identisch. Dies trifft ebenso für die Schwestern und Brüder vom „Regulierten Dritten Orden des heiligen Vaters Franziskus“ zu. Für die Franziskanische Gemeinschaft lautet der Kernsatz: „Das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu beobachten nach dem Beispiel des heiligen Franziskus von Assisi, der Christus zur geistlichen Mitte seines Lebens vor Gott und den Menschen machte.“ Auch das Franziskanische Säkularinstitut der Missionarinnen des Königtums Christi beruft sich auf das Beispiel des heiligen Franziskus und der heiligen Klara.

Gemeinsame Wurzel: Das Evangelium

Das Verlesen dieser Kernsätze verdeutlicht die gemeinsame Wurzel der verschiedenen Ordensgemeinschaften. Die franziskanisch-klarianische Familie lässt sich mit einem Baum vergleichen. Ihre Wurzeln bildet das Evangelium, aus dem sie in der Nachfolge Christi lebt. Ihr doppelter Stamm sind Franziskus und Klara, die in enger geistiger Verbundenheit, aber doch eigenständig, ihren spezifischen Weg der Christusnachfolge entwickelt haben. Auf sie gehen die drei Ordenszweige zurück, die sich wiederum im Laufe der Geschichte in eine Vielzahl von eigenständigen Orden und Kongregationen verzweigt haben.

Ein Baum mit vier Ästen

Der sogenannte „Erste Orden“ umfasst die aktiven Männergemeinschaften, die sich auf den heiligen Franziskus zurückführen lassen: Franziskaner (15.000), Minoriten (4.500) und Kapuziner (10.700). Im sogenannten „Zweiten Orden“ sind die kontemplativen Frauengemeinschaften zusammengefasst, die auf die heilige Klara zurückgehen: Klarissen, Klarissen-Kapuzinerinnen und Schwestern der heiligen Klara (insgesamt 18.000). Der sogenannte „Dritte Orden“ ist noch einmal zweigeteilt. Er vereinigt zum einen die Mitglieder der Franziskanischen Laiengemeinschaft, Weltlicher Dritter Orden (430.000 Mitglieder), zum anderen die Schwestern und Brüder des Regulierten Dritten Ordens (75.000).

In neuerer Zeit haben sich verschiedene weitere Formen herausgebildet wie Franziskanische Säkularinstitute und innerhalb der Franziskanischen Bewegung die Gefährten des heiligen Franziskus. Sie bilden quasi einen vierten Zweig am franziskanisch-klarianischen Baum. Zu diesem Zweig gehört auch die evangelische Communität Christusbruderschaft, die sich der Franziskanischen Spiritualität verbunden weiß.

Vielfalt innerhalb einer Familie

Alle heute existierenden Gemeinschaften der franziskanisch-klarianischen Familie leben in unterschiedlicher Weise aus der Spiritualität des heiligen Franziskus und der heiligen Klara. Im Laufe der Jahrhunderte hat es immer wieder neue Versuche gegeben, ihre Wertvorstellungen, Ideale und Lebensmodelle zugleich ursprünglich wie zeitgemäß umzusetzen.

Interessant ist die zeitliche Verteilung der Entstehung: Während im 13. Jahrhundert vier Ordensgemeinschaften und im 14. Jahrhundert zwei gegründet wurden, gab es im 15. nur eine und im 16. Jahrhundert keinerlei Neugründung im franziskanisch-klarianischen Bereich. Im 17. Jahrhundert kamen acht, im 18 Jahrhundert sechs neue Gemeinschaften hinzu. Einen regelrechten Gründungsboom brachte das 19. Jahrhundert im Kontext der sozialen Fragen mit sich, wo rund 180 Gemeinschaften entstanden. Im 20. Jahrhundert kamen etwa weitere 60 hinzu. Diese Gründungen waren immer auch Antwort auf die Herausforderungen der jeweiligen Zeit. Die Franziskanische Familie bildet ordensmäßig gesehen heute die weltweit größte Geistliche (Ordens-) Gemeinschaft mit ca. einer halben Million Mitgliedern.

Der franziskanisch-klarianische Zusammenschluss: In INFAG

Die oben genannten Gemeinschaften haben sich im deutschsprachigen Raum zur Interfranziskanischen Arbeitsgemeinschaft (INFAG) mit den Regionen Deutschland-Luxemburg-Belgien, Schweiz, Österreich sowie Südtirol zusammengeschlossen. Ziel ist eine enge Vernetzung der Ordensgemeinschaften untereinander sowie die Förderung der franziskanisch-klarianischen Spiritualität.

Obiger Text von:

Br. Stefan Federbusch ofm und Sr. Marianne Jungbluth osf Bruder Stefan ist Regionalvorsitzender der INFAG Region Deutschland-Luxemburg-Belgien und Mitglied des INFAG-Gesamtvorstands. Schwester Marianne ist Geschäftsführerin der INFAG e.V.

Alle wichtigen Informationen zur Franziskanischen Familie finden Sie auf der Homepage der INFAG: www.infag.de