7. Impulse, Artikel

 

Eine Anmerkung zum Jahresthema "Brechen mit der Furcht"

von Hermann Simon

Dass in den Texten sprachlich nicht unterschieden wird zwischen „ich ängstige mich“ und „ich fürchte mich vor“, halte ich für unerheblich. Doch die Blickänderung von „Brechen mit der Furcht“ zu „Umgehen mit der Angst“ beim Internationalen Pfingstkapitel in Noorbeek, NL, halte ich für bemerkenswert. Dazu kommt, dass W. mir einen Kalenderbegleiter aus dem Jahre 1992 zusteckte, der folgenden Gedankenimpuls zum Umgang mit der Angst dem Leser mitgibt:

„In der Welt habt ihr Angst, sagt Jesus. Unsere Angst ist kein Ausrutscher, sondern gehört zur Natur der Menschen, die Jesus nachfolgen. Tröstend ist bereits, daß wir bei Jesus keinen erhobenen Zeigefinger und keinen Unterton des Vorwurfs feststellen.“

Mit der Umformung weitet sich das Thema vom „Brechen“ für eine positive Betrachtung von Angst; für diesen Warnruf des Lebens, „der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ (Hermann Hesse)

Mit der Auskehr der Auswüchse, die wir Ängstlichkeit nennen und die das Zutrauen zum Leben blockieren, sollten wir unser Zutrauen auf unsere Grundausstattung Angst nicht verwerfen. Durch Ängstlichkeit ist diese Angst in Verruf geraten. Neuerdings lässt sich schon an Titeln zu Zeitschriftenaufsätzen eine Blickänderung beobachten: „Ohne Angst wird man leichtsinnig“ oder „Gib mir meine Angst zurück!“

In der Tat, wer in sich hinein horcht, weiß darum. Wir haben so etwas wie ein inneres Organ, so etwas wie einen siebten Sinn, der uns vor Unbekanntem warnt, vor dem, was uns die Wahrnehmungssinne nicht signalisieren. Manche spüren den Blick im Rücken und ob ihnen jemand im Dunklen unhörbar und unsichtbar nachschleicht. Wir leben das Leben nach vorn. So sind uns die Wahrnehmungssinne am Leibe platziert. Und sind vom Rücken her ungeschützt. Dem tragen die rauhbeinigen Westernhelden Rechnung, indem sie Deckung für den Rücken suchen und ihre Angriffslust nach vorn austoben.

Nicht allein dieses Wahrnehmungsdefizit wird durch den Warner Angst ergänzt. Angst schiebt die früheren Handlungen oder Unterlassungen lebenshemmend ins Bewusstsein. Da wird angemahnt, was aus der Vergangenheit bearbeitet und versöhnt werden will. Der Mahnruf richtet sich an das aktuelle Menschsein, damit dieses befreit seine Zukunft leben und seine Chancen wahrnehmen könne. Sabine Naegli nimmt diesen seelischen Vorgang in die personale Gottesbeziehung hinein:

Nur da ist Befreiung,

wo einer dazwischentritt

zwischen dich

und das Dunkel

vergangener Tage:

„Friede sei mit dir.“

Wenn sein Gruß dich trifft

-  und er ist dir bereitet - ,

wird dir im Herzen

Versöhnung wachsen

mit dem, was war.

Nicht, dass du begreifst,

aber das Unbegreifliche

wird der Feindschaft

entnommen sein.

(verkürzt wiedergegeben aus Sabine Naegli „Die Nacht ist voller Sterne“.)