7. Impulse, Artikel

 

Ohne Stern

von Hermann Simon

„Ich habe jedes Jahr Angst vor Weihnachten.“ -

Dieser erste Satz in einem Buche ist recht danach, das Leseinteresse dessen zu riskieren, der das Buch zur Hand nimmt. So ist es mir vor Jahren ergangen, als mir in einem Advent, der Vorbereitungszeit auf „Fürchtet euch nicht“ und „Friede sei mit euch“, das Buch mit jenem ersten Satz begegnete: „Ohne Stern. Weihnacht der Außenseiter.“

Während ein Hauch von romantischer Erwartung an Zigeunerlager oder wilde Obdachlosensiedlung an mir vorüber huschte, bemerkte ich sehr schnell, worauf es der Verfasserin Birgitta Wolf ankommt: Klarheit über ihr und unser Leben zu gewinnen, dass es hinter der Oberfläche in zwei Wirklichkeiten zerfällt, „in die da drinnen und wir hier draußen“. Sie tat sich schwer, die ehrenamtliche Betreuerin von jugendlichen Straftätern und die Ehefrau und Mutter in sich zu vereinen.

Wenn am Heiligen Abend der Justizbeamte „Fröhliche Weihnachten, Frau Wolf“ wünschte, bevor er die letzte Tür hinter ihr verriegelte, begann sich ein Abgrund zu dehnen, den die Autofahrt nach Hause zur Familie nicht einzuebnen vermochte: die Niedergeschlagenheit bis zu Selbsttötungsgedanken der Jungen da drinnen im Rücken und die Begrüßung daheim, „Fröhliche Weihnachten, Birgitta, Fröhliche Weihnachten, Mama“ vor Augen.

Das machte ihr jedes Jahr Angst, „Angst vor dem Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit ... gegenüber Verlassenheit und Verzweiflung“ so wenig auszurichten, obwohl sie und ihre Helfer „arbeiteten bis zum Umfallen.“ Für das Grenzen überschreitende Gefährtentum mag es von Interesse sein zu wissen, dass Birgitta Wolf aus Schweden stammt und in Süddeutschland mit einem Deutschen verheiratet ist.

Ihr Buch ist wie ein Schrei hinaus, dass Gespräche und Anstrengungen nicht verebben dürfen, die sich mit dieser gesellschaftlichen Diskrepanz nicht abfinden wollen. Die Angst der Betreuerin klärt sich zur Einsicht, dass alles innerweltliche Unterfangen vom Scheitern bedroht ist. Weil den Frieden, den wir ersehnen, einzig der Herr geben kann. Weil die Verkündigung der Weihnachtsbotschaft, an die wir glauben und die Urteile, die im Namen des Volkes gesprochen werden, uns alle angehen, uns alle in die Verantwortung rufen. Trotz mancher Rückschläge, Birgitta Wolf verlor ihr Ziel nicht aus den Augen, die Mauern durchlässig zu machen, die Betroffene und Nichtbetroffene abschotten. Zwischen denen, die in einer intakten Familie und denen, die in einem gestörten Beziehungsgeflecht erwachsen werden müssen, alles Trennende zu minimalisieren. Birgitta Wolf ängstigte sich jedes Jahr vor der Zeit, in der die ihr Anvertrauten besonders verletzlich sind, die vor Weihnachten als „dem grausamsten Fest des Jahres“ resignieren, weil sich die Nächstenliebe an den drei Festtagen selbst feiere. Gegen diese Zerfallsmentalität bezog sie stets Stellung: „Weihnachten ist anders.“ In der Angst der Birgitta Wolf spiegelt sich die Angst der jugendlichen Straftäter, die in grenzenloser Verlassenheit jeden Halt aufgegeben haben.

Sie forderte die Verzweifelten dazu auf, ihr zu schreiben und anzuvertrauen, was an Bedrängnissen in ihnen hochsteigt, wenn sie ganz mit sich allein am Tiefpunkt ihrer Lebenszumutung angekommen zu sein glauben. Daraus ist ihr ein Bestand an 40.000 Briefen zugewachsen. In einer Auswahl lässt sie den Leser ihres Buches „Ohne Stern“ daran teilhaben.

Mir ist die Zuordnung von „die da drinnen und wir hier draußen“ schon früh durcheinander geraten. Ich war etwa 10 Jahre alt. Als Messdiener durften wir den Vikar in das Untersuchungsgefängnis begleiten. Wir trugen die Messdienergewänder über dem Arm und den Messkoffer zwischen uns. Es überfiel uns jedes Mal ein eigenartiges Gefühl, wenn die Schlüssel rasselten und sich Tür um Tür hinter uns schloss. Der Vikar bemühte sich, in der Predigt während der Weihnachtsmesse Verkrustungen aufzubrechen. Ohne Erfolg, wie mir schien. Doch als das Schlusslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen wurde, bemerkte ich Tränen über die Gesichter derer fließen, die wir bis dahin für die harten Jungs gehalten hatten. Meine Empfänglichkeit für diesen Problemkreis führe ich auf dieses Ereignis zurück.

Birgitta Wolfs Buch ist bereits 1981 erschienen. Deswegen drängt sich die Frage auf: sind seitdem keinerlei Verbesserungen in unseren Haftanstalten festzustellen? Ja, doch, und vor allem, was Haftbedingungen, Therapien, Ausbildung und Kontaktmöglichkeiten nach draußen anbetrifft. Unbedingt! Aber mein Verdacht, der sich aus zahlreichen Veröffentlichungen nährt, sagt mir, dass die Angst vor dem Hochfest der Liebe fortbesteht. Man sollte diese Angst als das Einfallstor des Wortes der Botschaft verstehen, für die Christen oft Empfangsorgan und Sprache verloren haben. Hier greift keine Form der Therapie. Allein Seelsorgern, Christen, die einfach und überzeugend da sind und keinerlei Resozialisierungsabsichten hegen, sei der Zugang möglich. Davon geht Manfred Lütz aus, in seinem Buch „Gott“.

Seit der Pioniertat der Birgitta Wolf widmet unsere Gegenwart der so genannten „Gefangenenliteratur“ von berufener Seite Aufmerksamkeit. An der Universität Münster nimmt sich ein Literaturprofessor systematisch der schriftlichen Zeugnisse von „denen da drinnen“ an. Kenner, wie bereits von Birgitta Wolf angebahnt, forschen in den Dokumenten und lassen uns in den Spiegel schauen, was an Potentialen der Humanitätseinbuße unter der Oberfläche unserer zivilisierten Gesellschaft brodelt. Nicola Kiefer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster, schreibt dazu: „An einigen Versen aus dem Gedicht „Schweigen“ von Ralf Sonntag können wir nachvollziehen, inwiefern wir die Texte sowohl als Informationsquelle über eine andere Welt, als auch als Symbol für unsere eigene, fragwürdig gewordene gesellschaftliche Wirklichkeit mit all ihren Entfremdungs- und Isolationserscheinungen nutzen können.“ (In Franziskaner Mission, Nr. 4, 2003)

Wenn Wände erzählen könnten!

Von denen, die nachts leise weinen,

von denen, die im Schlaf schreien,

oder von denen, die ganz still sind.

Ralf Sonntag, während der 10jährigen Haft geschrieben.