3.2 Berichte

 

Pfingstkapitel in Ashford, England

Werner Eisenbarth

bisher waren wir nie bei einem Pfingstkapitel in England, weil das uns immer zu weit war. Aber das stimmt eigentlich gar nicht. Es sind nur 430 km und ein bisschen Wasser dazwischen. Und so machen wir uns in diesem Jahr am Freitag, nachdem die Kinder aus der Schule sind und Anna von ihrer Arbeit in Bonn dazu gekommen ist, vor 14 Uhr auf den Weg. Planmäßig sollten wir gegen 20 Uhr englische Zeit in Ashford ankommen.

Doch auch wenn der Weg nach England nicht weit ist, kann er trotz-dem ganz schön lange werden, wenn Stau um Brüssel, zwei verpasste Fähren und eine Autobahnsperrung in England dazu kommen. So müssen wir kurz vor Mitternacht die englischen Gefährten belästigen, die uns den Weg zu den Schlafplätzen in den Räumen der methodistischen Gemeinde zeigen. Dazu bekommen wir die Information, dass jeden Morgen um 8 Uhr alle Schlafutensilien in einem Raum verstaut sein müssen, da die Gemeine ihre Räume über Tag selbst benötigt.

Noch nicht wirklich wach wandern wir am Samstagmorgen zum Ge-meindesaal der anglikanischen Kirche. Dort gibt es Kaffee und ein freudiges Wiedersehen mit den Gefährten, die schon da sind. Die Zeit bis zum offiziellen Beginn des Kapitels verbringen wir in der Fußgängerzone von Ashford. Wir werden fündig im Angebot der vielen Charity Shops (Verkauf von gebrauchten Sachen für einen wohltätigen Zweck) und essen Fish & Chips und andere örtliche Spezialitäten beim Denkmal eines Panzers aus dem 1. Weltkrieg.

Dann eröffnen Caroline und Sheana in der anglikanischen Kirche St Mary the Virgin das Kapitel. Diese Kirche wird zu unserem Treffpunkt für die Aktivitäten des Kapitels. Nur zum Essen wechseln wir in den Gemeindesaal. Wie bei vielen größeren englischen Kirchen aus dem 15. Jahrhundert ist der Innenraum zweigeteilt. Vorne gibt es einen Bereich mit Altar und Kirchenbänken. Im hinteren Bereich können Stühle beliebig gestellt werden und es gibt hier eine Bühne mit Beleuchtungsanlage und Projektionsleinwand für Konzerte und Theateraufführun¬gen und mit einem zweiten Altartisch.

In kleinen Gruppen treffen wir uns über die Tage verteilt zu vier Workshops über Verse des Sonnengesangs. Bei jeweils einem großformatitgen Ölgemälde von Jane Habermehl tauschen wir uns über unsere persönlichen Erfahrungen mit den Themen, "Schwester Mond und Bruder Wind" und "Schwester Wasser und Bruder Feuer" aus. Danach ist jeweils Zeit für Kreativität. Es entstehen Bildern, Kollagen, Mobile und geschmückte Flammen. Bei "Mutter Erde" überlegen wir, was nötig ist, um unsere Erde zu retten und, ob es für die Maßnahmen eine Wertigkeit oder Reihenfolge gibt. Zu "Schwester Tod" sprechen wir über Menschen, die durch ihren Tod oder große Todesgefahr etwas bewirkten oder bewirken (Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Desmond Tutu, Malala Yousafzai).

Am Samstagabend feiern wir mit Sheana den Pfingstgottesdienst. Nach der Lesung aus der Apostelgeschichte "und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder" entzündet jeder eine Kerze mit dem Feuer der Osterkerze. Und wir hörten das Evangelium: "Am Abend aber desselben ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlos¬sen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten ein und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jün¬ger froh, dass sie den HERRN sahen."

Wir glauben an Gott, den Vater, der denen mit Liebe begegnete, die unter dem Gesetz litten, der eine Heimat gab denen, die Fremde waren in einem fremden Land Wir glauben an Jesus, der die Hungrigen sättigte und Licht brachte denen, die in der Finsternis lebten Wir glauben an den Heiligen Geist, der Mut gibt den Verzweifelten und Leben denen, die die Schrecken des Todes erleiden. (Ernesto Cardenal)

Jesus lädt uns ein, uns auf den Weg zu machen, um die Begegnung mit Armen und Demütigen zu feiern. Lasst uns seinen Weg mit Freude gehen. Jesus fordert uns auf, den Weg zu wagen, ein Risiko einzugehen. Lasst uns seinen Weg mit Freude gehen. Jesus fordert uns heraus, auf die Stimmen derjenigen zu hören, die nichts zu verlieren haben. Lasst uns seinen Weg mit Freude gehen. Jesus zeigt uns den Weg der Selbsthingabe, wo Macht und Status nichts bedeuten. Lasst uns seinen Weg mit Freude gehen. Jesus ruft uns, ihm zu folgen auf dem Weg des Kreuzes, wo Verzweiflung verwandelt wird in neues Leben. Lasst uns seinen Weg mit Freude gehen. Da die Kirche in Ashford am Sonntag von der Gemeinde benötigt wird, laden uns die englischen Gefährten ein zu einem Ausflug nach Canterbury. Im Garten um die Greyfriars Chapel machen wir gemeinsam ein Picknick. Die Kapelle ist das einzige noch erhaltene Gebäude des Klosters, das vom heiligen Franziskus selbst ausgesendete Brüder hier 1224 gegründet haben. Ein Franziskaner schließt uns die Kapelle auf.

Danach erkunden wir die malerische Altstadt von Canterbury. Überall Straßenmusiker, viele Touristen und auch hier an jeder Ecke ein Charity Shop. Von dem erneuten Anschlag in London ist nichts zu spüren. Nur beim Eingang zum Gelände der Kathedrale bewacht ein schwer bewaffneter Polizist die Taschenkontrolle. Mit einigen Gefährten besu¬che ich dort den Even Song, ein Stundengebet begleitet von einem hervorragenden Chor. Am Ende haben wir noch die Chance durch die wunderschönen Kreuzgänge zu wandeln.

Zurück in Ashford erwartet uns nach dem Abendessen ein Geburts-tagskuchen "90 Jahre Gefährten des hl. Franziskus". Zusammen mit den anwesenden Nationalleitern der anderen Länder schneide ich den Kuchen an und wir erheben unser Glas mit Wein oder Saft. Bei der Veillée in der Kirche erfreuen wir uns an Kreistänzen aus aller Welt. Die Tänze sind so einfach, dass jeder, ob klein, ob groß, ob jung, ob alt, sofort mit machen kann.

Am Montag beschäftigen wir uns im fünften Workshop mit "Bruder Sonne". Wir erhalten einen Fraggebogen zur Sonne. Die 30 kniffligen Fragen aus allen Wissensbereichen sind nur im regen Austausch mit anderen Gefährten zu beantworten.   Zum Abschied spendet Sheana uns den Reisesegen:

Möge unser heiliger Gott Euch auf Eurem Weg überraschen Jesus Christus Euch begleiten und der Heilige Geist Freude in euer Leben bringen Der Segen Gottes, des Schöpfers, Erlösers und Bewahrers, sei mit Euch und Allen, die mit Euch unterwegs sind, jetzt und alle Zeit. Amen

Wir haben eine ruhige Heimfahrt mit der geplanten Fähre und ohne größere Staus. Die englischen Gefährten hingegen, die nach dem Aufräumen erst später loskommen, müssen sich durch Sturm und Starkregen kämpfen.