3.2 Berichte

 

Regionaltreffen des Kölner Kreises

in Köln-Brück am 30. April 2016

Winfried Schulz

Das Referat hat wieder Hans Fürtig gehalten, diesmal über das Thema „Traditionen oder Reformen?“ Er trage seine Sichtweise vor. “Am Glaubensgut und an kirchlichen Gesetzen festzuhalten oder sie neu auszurichten, sind die beiden möglichen Haltungen der Kirche und des einzelnen Gläubigen. Es ist keine scharfe Trennungslinie dazwischen erkennbar."

Papst Franziskus bemüht sich, Verkrustungen aufzubrechen und naturwissenschaftliche Erkenntnisse bei der Verkündigung zu berücksichtigen. Doch sowohl im Mitarbeiterstab des Vatikans wie auch in manchen Bistumsleitungen der Ortskirchen weht ihm der Wind stark entgegen. Auch Gelehrte der Fachrichtung Theologie schaffen die Anerkennung des Neuen oft nicht.

Sowohl im Vortrag wie im anschließenden Gespräch haben wir uns besonders den „Reformen“ zugewendet, die Bewahrung des Traditionellen vor allem im Alten Testament und bei der Gestaltung der Gottesdienste erschienen uns hinreichend bekannt. Die Aussagen des Alten Testamentes geben wieder, was die Menschen zum Zeitpunkt der Abfassung aufgrund von Eingebungen, Verheißungen, Deutungen u. a. über die Entstehung der Schöpfung glaubten. Diese Leistungen des menschlichen Geistes bleiben großartig.

Naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse haben jedoch die Fortschreibung vieler Glaubensinhalte erforderlich gemacht. Was laut Schöpfungserzählung von Gott in sechs Tagen geschaffen worden ist, hat sich in Wirklichkeit vom Augenblick des Urknalls bis heute in ±13 Milliarden Jahren entwickelt, und zwar, wie wir glauben, aus dem von Gott Bereitgestellten. Im Alten Testament wird nicht über Geschehenes berichtet. Es erzählt, was die Menschen jener Zeit glaubten, meinten, dachten. Am Anfang steht da somit nicht ein Schöpfungsbericht, sondern eine Schöpfungserzählung. Sie war und bleibt für uns etwas ganz Großartiges, Wunderbares, Bestaunenswertes.

Das Umdenken haben vor allem die folgenden Wissenschaften erzwungen:

Biologie und Paläo-Biologie (Biologie der ausgestorbenen Lebewesen). Geografie und Paläo-Geografie (Geografie der Erdgeschichte) und Astronomie (Stern- und Himmelskunde).

Forschungsergebnisse dieser und anderer naturwissenschaftlicher Disziplinen sind in der Evolutionslehre zusammengefasst (allgemein = fortschreitende Entwicklung; in der Biologie = stammesgeschichtliche Entwicklung der Lebewesen von niederen zu höheren Formen). Die beiden in der Schöpfung vorhandenen Wirkungen sind Mutation und Selektion. Die Mutation liefert Neues im Erbgut. Es bewirkt, dass Nachkommen einen oder mehrere Überlebensvorteile haben. In der Generationenfolge kommen diese vorteilhaft zum Tragen. Lebewesen ohne sie bleiben eher schließlich völlig auf der Strecke. Es findet eine Art Auslese des Vorteilhafteren statt = Selektion. Mutation und Selektion wirken in der Evolution zusammen. Eine praktische Anwendung finden Mutation und Selektion bei der Züchtung von Pflanzen und Tieren durch den Menschen. Damit hat der Mensch Anteil an evolutionären Entwicklungen in der Pflanzen- und Tierwelt. In seiner eigenen Art bewirkt er Veränderungen durch Ausrottung und Bevorzugung.

Die Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften erzwingen ein Abschiednehmen von liebgewordenen Glaubensinhalten und Vorstellungen, mit denen wir durchaus gut leben konnten, die den Glaubenden Trost waren und ihnen bei Gehorsam den Himmel versprochen haben. Damit ist es in hohem Maße vorbei. Die Verantwortlichen der Kirche müssen uns Eigenverantwortung geben und Mitverantwortung zugestehen. Wo sie das nicht tun, werden wir Glaubenden es uns schließlich nehmen. Aber die Kirche ist da bereits auf einem guten Weg. Vielerorts wird von uns längst Eigenverantwortung gefordert und Mitverantwortung gewünscht. Eine solche Kirche wird interessant für Einsteiger. Von diesen gibt es, teils auch kirchenverschuldet, noch viel zu viele. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR sind etwa 90% Nichtgetaufte. Getauft zu sein, in der Kirche zu sein, ist das Größere, wie ich meine. Mich kriegt keiner raus!

Wir verabschieden uns also von Vielem und wissen:

-  Unsere Erde und der Kosmos wurden nicht in sechs Tagen von Gott „geschaffen“. Das Ganze hat zwar für uns Glaubende im Auftrag Gottes stattgefunden, dauerte aber etwa 13 Milliarden Jahre.
-  Was es heute auf der Erde und im Kosmos alles gibt, ist im Auftrag Gottes - wie wir glauben - aus dem geworden, was mit dem Urknall bereitgestellt worden ist. Diese Evolutionen, also die „Entwicklungen“ zu immer stärkerer Differenziertem, dauern an.
-  Ein Paradies war diese Erde nie.
-  Adam und Eva waren nicht die ersten Menschen. Die beiden wie auch ihre Kinder Kain und Abel hat es nicht gegeben. Wie die ersten Menschen genau aussahen und wann sie in der Evolution „da“ waren, werden Menschen nie genau wissen.
-  Die Evolution alles Lebendigen geht weiter. Wie Flora, Fauna - wir Menschen einmal sein werden, weiß niemand. Gewiss ist nur: Vieles wird ganz anders sein!

Diese mit dem Urknall bereitgestellte „Schöpfung“ mit den bis heute und weiterhin stattfindenden Entwicklungen ist für mich viel größer, schöner, faszinierender als das Fertige der Schöpfungserzählung des Alten Testamentes. Und mit Jesus ist Gott in der Gestalt eines Menschen zu uns gekommen, der zwar gekreuzigt worden ist und den Tod eines Menschen erlebt hat, dennoch nicht in den Tod gegeben wurde. Wir nehmen Anteil daran, haben eine wunderbare trostreiche Zukunft.